Bike and Ski auf die Ruderhofspitze

Ruderhofspitze. Foto: Timo Höbenreich

Der Schnee im Tal ist weg, am Sonnendeck kehrt wieder Leben ein und Rennräder sind im Stadtbild plötzlich präsenter als Skiausrüstung – der Frühling hat Innsbruck erreicht! Doch die Daseinsberechtigung der Skiausrüstung ist noch nicht zu Ende: Die Gefahr für trockene Lawinen nimmt ab und Schneebedingungen folgen einem vorhersehbaren täglichen Zyklus, die Zeit für lange, hochalpine Missionen ist gekommen.

Für lange Frühjahrstouren nimmt man sich am besten mehrere Tage Zeit. Die meisten Hütten haben geöffnet oder zumindest einen offenen Winterraum und die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt. In diesem Beitrag möchte ich aber bewusst die Erfahrung auf einer Tagestour teilen, denn auch das ist mit Öffis möglich. Häufig hört man Sätze wie „Ich fahr lieber mit dem Auto, geh in einem Tag und spar mir dafür die Hütte“ oder „Wenn ich in der Früh losgehe fährt noch kein Bus“. Dieser Beitrag soll das Gegenteil beweisen und dazu inspirieren, den Paradigmen zu entfliehen. Nicht jeder Gipfel ist als Tagestour mit öffentlicher Anreise erreichbar, aber die Möglichkeiten sind weitreichender, als man denkt.

Die Ruderhofspitze über den Alpeiner Ferner ist sicher nicht die erste Tour, die einem bei öffentlicher Anreise in den Sinn kommt, vor allem nicht als Tagestour. Auf den zweiten Blick eignet sie sich aber doch perfekt für eine Frühjahrs-Mission: Am Wochenende fährt um 3:00 Uhr ein Nachtbus von Innsbruck ins Stubaital, die Fahrradmitnahme im Innenraum ist bei genügend Platz gestattet. In Milders steigt man aus und fährt mit dem Fahrrad weiter zur Oberissalm. Im Vergleich zur Auto-Anreise muss man zusätzlich 5 Kilometer und 450 Höhenmeter treten. Zeitstress hat man durch den Nachtbus keinen und bei einer Gesamtsumme von über 2.000 Höhenmetern ist das ein verkraftbarer Anteil. Am leichtesten geht’s natürlich mit E-Bike, aber auch ohne Motor ist die Auffahrt machbar. Nach der Tour kann man gemütlich von der Oberissalm bergabrollen und spart sich die 5 Kilometer Fußweg bis zum Parkplatz in Seduck.

Wir steigen also um 3 Uhr in der Früh mit unseren Fahrrädern am Innsbrucker Hauptbahnhof in den Nachtbus 590N Richtung Stubaital. Der Bus ist nicht sehr voll, die Fahrradmitnahme im Fahrgastraum kein Problem und der Busfahrer ist sehr kooperativ.

Mit dem Rad zur Oberissalm

In Milders steigen wir aus dem Nachtbus aus und auf unsere Räder auf. Timo hat ein E-Bike, ich (in diesem Fall leider) nicht. Eine Reepschnur wird kurzerhand zu einem Abschleppseil umfunktioniert, somit komme auch ich in den Genuss der Motorunterstützung.

Geteilte Power. Foto: Simon Widy
Geteilte Motorleistung. Foto: Simon Widy

Die Straße ins Oberbergtal ist bis Seduck zwar für Autos freigegeben, um diese Uhrzeit begegnen wir aber keinem einzigen. In Seduck passieren wir einen Schranken und gelangen auf die Forststraße zur Oberissalm, die seit den heftigen Unwettern im Sommer 2022 für den Individualverkehr gesperrt ist. Kurz nach der Oberissalm beginnt der Wanderweg zur Franz-Senn-Hütte. Wir lassen unsere Räder stehen und gehen zu Fuß weiter.

Der Himmel glüht. Foto: Simon Widy
Der Himmel glüht. Foto: Simon Widy

Aufstieg zur Franz-Senn-Hütte

Der Wanderweg zur Franz-Senn-Hütte beginnt mit einigen Serpentinen, wobei man rasch an Höhe gewinnt. Nach etwa 250 Höhenmetern erreicht man die Alpeinalm, etwas später die auf 2.147 Metern gelegene Franz-Senn-Hütte.

Die Franz-Senn-Hütte kommt näher. Fotos: Simon Widy
Wir nähern uns der Franz-Senn-Hütte. Foto: Simon Widy

Weiter mit Ski

Auf der Terrasse der Hütte, die mittlerweile von den ersten Sonnenstrahlen des Tages bestrahlt wird, ziehen wir unsere Skischuhe an und deponieren die Zustiegsschuhe. Im ehemaligen Gletscherbecken nach der Hütte liegt Anfang Mai 2026 nur noch wenig Schnee, wir finden dennoch ein fast durchgehendes Schneeband.

Das Gelände ist bis zur Gletscherzunge weitestgehend flach, der Höhenunterschied auf 5 Kilometern beträgt nur etwa 400 Höhenmeter. Bevor wir den Gletscher betreten, machen wir auf der Moräne Halt und legen zur Sicherheit die Gletscherausrüstung an. Da die Schneedecke sehr gut trägt und die Spalten geschlossen sind, verzichten wir heute darauf, uns anzuseilen.

Man überquert bei dieser Skitour einige spaltige Bereiche des Gletschers. Es gilt, individuell abzuwägen, ob man als Seilschaft geht oder nicht. Mithaben sollte man die Gletscherausrüstung auf jeden Fall. Lukas Ruetz hat auf Facebook ein Foto des Alpeiner Fernes von Herbst 2025 gepostet, wo die Spalten klar zu erkennen sind.

Wir steigen über den orographisch rechten, etwa 30° steilen Gletscherbruch auf und erreichen bald das flache Plateau des Alpeiner Ferners.

Wie kleine Ameisen in einem großen Wald überqueren wird die weitreichende Gletscherfläche des Alpeiner Ferners Richtung Ruderhofspitze. Nach einer leichten Linkskurve verlassen wir auf etwa 3.250 Metern den Gletscher und steigen zum Beginn des Gipfelgrates auf, wo wir die Ski deponieren.

Wir kommen mit Ski bis auf den Grat. Foto: Timo Höbenreich
Wir kommen mit Ski bis auf den Grat. Foto: Timo Höbenreich

Am Grat zum Gipfel

Der Gipfelgrat wirkt vom Gletscherplateau aus ausgesprochen lang, aber die Verhältnisse sind gut und wir kommen schnell voran. Der größte Teil ist schneebedeckt und nur an wenigen Stellen müssen wir Hand anlegen. Dennoch darf man den Grat nicht unterschätzen, er ist über die gesamte Länge ausgesetzt, ein Ausrutscher an der falschen Stelle kann schlimme Folgen haben. Mit Höhenangst ist man hier definitiv Fehl am Platz.

Kurz nach 11 Uhr, also gut 8 Stunden nachdem wir in Innsbruck in den Bus gestiegen sind, stehen wir am Gipfel der 3.474 Meter hohen Ruderhofspitze. Bei traumhaftem Wetter machen wir eine Jausenpause und genießen die Aussicht auf die umliegenden Berge.

Abstieg, Abfahrt, Abstieg, Abfahrt

Bekanntermaßen endet eine Bergtour aber erst, wenn man wieder unten ist. Und das dauert noch ein bisschen, denn der Abstiegsweg gleicht dem Aufstiegsweg. Anfangs geht es zu Fuß am Grat wieder zurück zum Skidepot, dann mit den Ski zur Franz-Senn-Hütte, zu Fuß zur Oberissalm und schlussendlich mit dem Fahrrad nach Innsbruck. Richtig gelesen, bergab haben wir uns dafür entschieden, auf die Busfahrt zu verzichten und gleich mit dem Fahrrad bis Innsbruck zu fahren. Zeitlich ist nicht viel um und der Föhn hat uns mit kräftigem Rückenwind unterstützt. Aber Vorsicht: Der Stubaitalradweg wartet am Ende mit einem saftigen Gegenanstieg, welcher nach den Strapazen der Tour doppelt wehtut. Die bequemere Heimfahrt bekommt man vermutlich mit dem Bus.

Abfahrt. Foto: Simon Widy
Abfahrt. Foto: Simon Widy

Fazit

Eine ausgiebige Mission zum Abschluss der Skitourensaison. Die Tour ist definitiv auf der konditionell anspruchsvolleren Seite, vor allem die langen Flachpassagen ziehen sich und auch der Abstieg von der Franz-Senn-Hütte mit Ski am Rücken ist nicht immer nur ein Genuss. Aber es sind genau diese Touren, auf die man gerne zurückblickt und welche man lange in Erinnerung behält.

Am Ende will ich noch erwähnen, dass ich niemanden verurteile, der mit dem Auto zu Bergtouren anreist. Das Auto hat einige Vorteile, die ich nicht missachten will. Mit diesem Beitrag will ich zeigen, dass es auch anders möglich ist, wenn man will. Die Aussage „es geht nicht“ ist meist falsch, besser wäre „ich will nicht“. Es ist ok, nicht zu wollen, aber vielleicht kann ich mit diesem Beitrag einige inspirieren, es manchmal trotzdem zu versuchen. Teilt gerne eure Erfahrungen zu Frühjahrs-Öffitouren in den Kommentaren oder schreibt am besten selbst einen Bericht darüber 🙂

P.S.: Ein paar weitere Tages-Frühlingstouren, die ich im Kopf habe (mit Öffi-Verbindungen am Wochenende):

  • Habicht über Mischbachferner (Anreise mit gleichem Nachtbus, 3:00 ab Innsbruck)
  • Olperer von Schmirn (Anreise um 5:49 ab Innsbruck)
  • Wilde Kreuzspitze aus dem Pfitschtal (Anreise um 5:49 ab Innsbruck)
  • Karwendel: diverse Gipfel im Hinterautal oder Karwendeltal (z.B. Birkkarspitze, Anreise entweder mit dem Zug um 3:08 oder 6:38 Uhr ab Innsbruck)
  • Hohe Geige vom Pitztal (Anreise mit Nachtzug um 5:17 Uhr ab Innsbruck)
  • Kaltenberg von St. Anton (Bike&Ski, Anreise mit Nachtzug um 4:53/5:17 Uhr ab Innsbruck)
  • Krachelspitze von Langen am Arlberg (Anreise mit Nachtzug um 4:53/5:17 Uhr ab Innsbruck)

Tourdaten

Die Route in Zahlen:   11:00 Std Skitour   2.500 HM   2.500 HM   45 km   GPX Track

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