Verführerische Grate: Regenspitz und Gruberhorn mit Schneeschuhen

Foto: Karl Plohovich

Regenspitz und Gruberhorn gehören in unserer kleinen Osterhorngruppe zu den Großen. Wer etwas für „schöne Linien“ übrig hat, dem könnte es geschehen, dass er der Magie der Grate erliegt, wie es mir Anfang März 2026 passiert ist.

Eigentlich sollte es eine gemütliche Überschreitung von Lämmerbach in die Gaißau werden: Zeitig stehe ich auf und nehme an diesem Samstag die erste Verbindung in die Faistenau. Mit der Chauffeurin der Linie 157, die mich – als einzigen Fahrgast – begrüßt, ergibt sich ein nettes Gespräch: sie hat noch 12 Stunden im Sitzen vor sich: „Bei schönem Wetter wie heute vergeht die Zeit schnell…“

Baustelle – der Kran zeigt auf den Regenspitz (re); Gruberhorn und Gennerhorn. Foto: Karl Plohovich
Baustelle – der Kran zeigt auf den Regenspitz (re); Gruberhorn und Gennerhorn. Foto: Karl Plohovich

Im Lämmerbach ragt ein Kran gen Himmel: offenbar geht die Angst vor Starkregen mit seinen Folgen um: ein mächtiger Wildwasser-Schutzbau wird realisiert.

Auf der OpenStreetMap hab ich einen Weg gesehen, den ich nun auch in der Natur finde: an der „Weberkapelle“ vorbei führt er mich, viel schöner als die Straße, auf die Gruberalm.

Allee – der Einstieg in den schönen Weg. Foto: Karl Plohovich
Allee – der Einstieg in den schönen Weg. Foto: Karl Plohovich
Die Weberkapelle (Name in der OpenStreetMap). Foto: Karl Plohovich
Die Weberkapelle (Name in der OpenStreetMap). Foto: Karl Plohovich
Brücklein über den Gruberbach – mit Blechlaschen gegen Überschwemmungen gesichert. Foto: Karl Plohovich
Brücklein über den Gruberbach – mit Blechlaschen gegen Überschwemmungen gesichert. Foto: Karl Plohovich
Für unsere kleine Osterhorngruppe ein beeindruckender Talschluss - Gruberalm. Foto: Karl Plohovich
Für unsere kleine Osterhorngruppe ein beeindruckender Talschluss – Gruberalm. Foto: Karl Plohovich

Von dort dann der Markierung nach Richtung Feichtenstein. Am Beginn der Feichtensteinalm müssen die Schneeschuhe an die Füße.

Schneeschuh-Start mit Blick zum Faistenauer Schafberg. Foto: Karl Plohovich
Schneeschuh-Start mit Blick zum Faistenauer Schafberg. Foto: Karl Plohovich

Ich verlasse den Fahrweg und steige über die steile Wiese an. Der erste Zentimeter des Schnees ist schon Firn; gerade noch so fest, dass es sich gut gehen lässt, ohne abzurutschen oder einzusinken.

Wie dem Irdischen enthoben liegt die Feichtensteinalm in der frühen Sonne. Foto: Karl Plohovich
Wie dem Irdischen enthoben liegt die Feichtensteinalm in der frühen Sonne. Foto: Karl Plohovich

Auf der Kuppe angekommen wird die Almwiese zu einer Art Schneise, die dann in den herrlichen Grat übergeht.

Sollen wir ihm den Ehrentitel „Biancograt der Osterhorngruppe“ verleihen? Regenspitz N-Grat. Foto: Karl Plohovich
Sollen wir ihm den Ehrentitel „Biancograt der Osterhorngruppe“ verleihen? Regenspitz N-Grat. Foto: Karl Plohovich

Nach kaum 2 ½ Stunden stehe ich unter dem Gipfelkreuz. Windstille. Ich nutze die Holzbank als Sitzgelegenheit für eine kleine Stärkung.

Um ½ 10 reibt sich der Gipfel (mit Rastbank!) fast noch den Schlaf aus den Augen. Foto: Karl Plohovich
Um ½ 10 reibt sich der Gipfel (mit Rastbank!) fast noch den Schlaf aus den Augen. Foto: Karl Plohovich

Der Grat zum Gruberhorn … diese Linie … Der Aufstieg über den Regenspitz-N-Grat ist so gut gegangen, war so schön, die Verhältnisse passen…Hochgefühl…

Ich disponiere um: nicht hinunter zur Bergalm und weiter in die Gaißau, sondern: Ich will den Grat zum Gruberhorn versuchen.

Rochefort-Grat der Osterhorngruppe? Vom Regenspitz zum Gruberhorn (Sahra-Staub-Sonne). Foto: Karl Plohovich
Rochefort-Grat der Osterhorngruppe? Vom Regenspitz zum Gruberhorn (Sahra-Staub-Sonne). Foto: Karl Plohovich

Die Umgehung des großen Felsturms ist die heikelste Stelle: die alten Spuren in der steilen Flanke sind beinhart gefroren, die Schneeschuhe und das Gleichgewicht müssen (auch angesichts der Tiefblicke in die westseitigen Rinnen) zeigen, was sie können. Ein Pickel wäre nicht zu verachten gewesen.

Noch beinhart gefroren… Foto: Karl Plohovich
Noch beinhart gefroren… Foto: Karl Plohovich

Der Grat selbst ist wieder herrlich zu gehen, eine Linie zwischen Sonne und Schatten.

Wer kann da widerstehen? Foto: Karl Plohovich
Wer kann da widerstehen? Foto: Karl Plohovich

Auch der Gipfelaufstieg geht gut von der Hand. 50 Minuten nach dem Regenspitz bewundere ich den Rundblick vom Gruberhorn.

Die letzten Schritte zum Gruberhorn-Gipfel. Foto: Karl Plohovich
Die letzten Schritte zum Gruberhorn-Gipfel. Foto: Karl Plohovich

Der Abstieg allerdings bietet nochmal hohe Anforderungen: zuerst am S-Grat ein paar Meter durch eine Latschengasse, dann unter den Gipfelfelsen nach N an den O-Grat queren. Hier wechsle ich die Schneeschuhe gegen die SnowSpikes: so habe ich beim Absteigen am steilen, schon teilweise weichen Grat mit festem Einsatz der Fersen ein sicheres Gefühl. 130 Hm unter dem Gipfel habe ich wieder flacheres Gelände erreicht. Ein Tourengeher befreit soeben die Lauffläche seiner Ski von den Fellen. Nach einem freundlichen Wortwechsel schaue ich (zugegeben: etwas neidisch) seinen Schwüngen im idealen Firn nach.

Nur mehr stellenweise winterlich: der Sommerweg; hinten der Hohe Zinken. Foto: Karl Plohovich
Nur mehr stellenweise winterlich: der Sommerweg; hinten der Hohe Zinken. Foto: Karl Plohovich

Ich selbst halte mich an den Sommerweg und finde oberhalb der Genneralm am Waldrand einen herrlichen Platz auf trockenem Buchenlaub, neben einem (nachdenklichen –  † Sylvester 2008) Bildstock. Lange Rast – ganz nach meinem Geschmack.

Rastplatz mit Blick übers Ackersbachtal mit Hochwieskopf unter der Sahara-Staub-Sonne. Foto: Karl Plohovich
Rastplatz mit Blick übers Ackersbachtal mit Hochwieskopf unter der Sahara-Staub-Sonne. Foto: Karl Plohovich

Für den Weg zur Bushaltestelle veranschlage ich 1 ½ Stunden und wähle für den Abstieg die Straße. Ein Hörbuch hält den Geist beim entspannten Dahinschreiten wach; zunächst noch Schneeschuhe, nach ein paar Kehren finden sie im dichten Wald wieder am Rucksack ihren angestammten Platz.

Beim Mautschranken kurz vor dem Tal verlasse ich die Straße und steige über die Wiese nach links zur Aufstiegsspur ab. Der alte Hof würde eine ideale Filmkulisse für einen Heimatfilm abgeben, dessen Inhalt gut 100 Jahre früher angesiedelt wäre.

Verzaubernd: Buchs- und Thujenduft. Foto: Karl Plohovich
Verzaubernd: Buchs- und Thujenduft. Foto: Karl Plohovich

Von hier ist man bei normalem Geh-Tempo in zehn Minuten bei der Busstation. Ich setze mich auf die historische Bank, suche ob der schon heißen Sonne den Schatten, schließe die Augen und sauge mal den Duft von Buchs (vom Zünsler unbehelligt!) und dann wieder von Thuje ein: Es riecht nach Friedhof und nach Leben. Dankbarkeit; ein zauberhafter Ort.

Der Chauffeur der Linie 157 reinigt in seiner Pause mit dem Wischmopp seinen Bus: „Die Fahrgäste sollen sich ja bei mir wohlfühlen!“

Top gepflegt! Foto: Karl Plohovich
Top gepflegt! Foto: Karl Plohovich

Früher Aufbruch, sicheres Schneeschuhgehen, ev. ein Pickel und gutes Wetter (kalte Nacht) sind Voraussetzung für diese alpine Unternehmung.

Wer im Sommer mit Hochtouren vertraut ist, wird – so wie es mir passiert ist – der Verführungskunst dieser herrlichen, anspruchsvollen Gratlinien genussvoll erliegen. 

Tourdaten

Die Route in Zahlen:   6:00 Std Schneeschuh   1.000 HM   1.000 HM   14 km   GPX Track

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