Regenspitz und Gruberhorn gehören in unserer kleinen Osterhorngruppe zu den Großen. Wer etwas für „schöne Linien“ übrig hat, dem könnte es geschehen, dass er der Magie der Grate erliegt, wie es mir Anfang März 2026 passiert ist.
Eigentlich sollte es eine gemütliche Überschreitung von Lämmerbach in die Gaißau werden: Zeitig stehe ich auf und nehme an diesem Samstag die erste Verbindung in die Faistenau. Mit der Chauffeurin der Linie 157, die mich – als einzigen Fahrgast – begrüßt, ergibt sich ein nettes Gespräch: sie hat noch 12 Stunden im Sitzen vor sich: „Bei schönem Wetter wie heute vergeht die Zeit schnell…“

Im Lämmerbach ragt ein Kran gen Himmel: offenbar geht die Angst vor Starkregen mit seinen Folgen um: ein mächtiger Wildwasser-Schutzbau wird realisiert.
Auf der OpenStreetMap hab ich einen Weg gesehen, den ich nun auch in der Natur finde: an der „Weberkapelle“ vorbei führt er mich, viel schöner als die Straße, auf die Gruberalm.




Von dort dann der Markierung nach Richtung Feichtenstein. Am Beginn der Feichtensteinalm müssen die Schneeschuhe an die Füße.

Ich verlasse den Fahrweg und steige über die steile Wiese an. Der erste Zentimeter des Schnees ist schon Firn; gerade noch so fest, dass es sich gut gehen lässt, ohne abzurutschen oder einzusinken.

Auf der Kuppe angekommen wird die Almwiese zu einer Art Schneise, die dann in den herrlichen Grat übergeht.

Nach kaum 2 ½ Stunden stehe ich unter dem Gipfelkreuz. Windstille. Ich nutze die Holzbank als Sitzgelegenheit für eine kleine Stärkung.

Der Grat zum Gruberhorn … diese Linie … Der Aufstieg über den Regenspitz-N-Grat ist so gut gegangen, war so schön, die Verhältnisse passen…Hochgefühl…
Ich disponiere um: nicht hinunter zur Bergalm und weiter in die Gaißau, sondern: Ich will den Grat zum Gruberhorn versuchen.

Die Umgehung des großen Felsturms ist die heikelste Stelle: die alten Spuren in der steilen Flanke sind beinhart gefroren, die Schneeschuhe und das Gleichgewicht müssen (auch angesichts der Tiefblicke in die westseitigen Rinnen) zeigen, was sie können. Ein Pickel wäre nicht zu verachten gewesen.

Der Grat selbst ist wieder herrlich zu gehen, eine Linie zwischen Sonne und Schatten.

Auch der Gipfelaufstieg geht gut von der Hand. 50 Minuten nach dem Regenspitz bewundere ich den Rundblick vom Gruberhorn.

Der Abstieg allerdings bietet nochmal hohe Anforderungen: zuerst am S-Grat ein paar Meter durch eine Latschengasse, dann unter den Gipfelfelsen nach N an den O-Grat queren. Hier wechsle ich die Schneeschuhe gegen die SnowSpikes: so habe ich beim Absteigen am steilen, schon teilweise weichen Grat mit festem Einsatz der Fersen ein sicheres Gefühl. 130 Hm unter dem Gipfel habe ich wieder flacheres Gelände erreicht. Ein Tourengeher befreit soeben die Lauffläche seiner Ski von den Fellen. Nach einem freundlichen Wortwechsel schaue ich (zugegeben: etwas neidisch) seinen Schwüngen im idealen Firn nach.

Ich selbst halte mich an den Sommerweg und finde oberhalb der Genneralm am Waldrand einen herrlichen Platz auf trockenem Buchenlaub, neben einem (nachdenklichen – † Sylvester 2008) Bildstock. Lange Rast – ganz nach meinem Geschmack.

Für den Weg zur Bushaltestelle veranschlage ich 1 ½ Stunden und wähle für den Abstieg die Straße. Ein Hörbuch hält den Geist beim entspannten Dahinschreiten wach; zunächst noch Schneeschuhe, nach ein paar Kehren finden sie im dichten Wald wieder am Rucksack ihren angestammten Platz.
Beim Mautschranken kurz vor dem Tal verlasse ich die Straße und steige über die Wiese nach links zur Aufstiegsspur ab. Der alte Hof würde eine ideale Filmkulisse für einen Heimatfilm abgeben, dessen Inhalt gut 100 Jahre früher angesiedelt wäre.

Von hier ist man bei normalem Geh-Tempo in zehn Minuten bei der Busstation. Ich setze mich auf die historische Bank, suche ob der schon heißen Sonne den Schatten, schließe die Augen und sauge mal den Duft von Buchs (vom Zünsler unbehelligt!) und dann wieder von Thuje ein: Es riecht nach Friedhof und nach Leben. Dankbarkeit; ein zauberhafter Ort.
Der Chauffeur der Linie 157 reinigt in seiner Pause mit dem Wischmopp seinen Bus: „Die Fahrgäste sollen sich ja bei mir wohlfühlen!“

Früher Aufbruch, sicheres Schneeschuhgehen, ev. ein Pickel und gutes Wetter (kalte Nacht) sind Voraussetzung für diese alpine Unternehmung.


Wer im Sommer mit Hochtouren vertraut ist, wird – so wie es mir passiert ist – der Verführungskunst dieser herrlichen, anspruchsvollen Gratlinien genussvoll erliegen.



