Gesäusewanderung – steil & ausgesetzt

Es gibt leichte Kletterstellen

Zwei Nächte und eineinhalb Tage im Gesäuse, mit Übernachtung im Tal und am Berg, Almwanderung und freier Kletterei bis zum II. Schwierigkeitsgrad. Über der Baumgrenze hatten Auf- und Abstieg jedenfalls Eines gemein: Sie sind steil und ausgesetzt.

Schon länger lockt mich das Gesäuse, es wieder mal zu besteigen. Diesmal möchte ich auf der Heßhütte übernachten, den Gipfel des Hochtors bezwingen und am Samstagabend in Wien auf eine Party gehen. Wie bringe ich das jetzt alles unter einen Hut?

Mein Plan fügt sich schließlich zu folgendem Ablauf zusammen:

  • Anreise am Donnerstag, nach der Arbeit. Übernachtung im Tal.
  • Gipfelbesteigung am Freitag. Übernachtung am Berg.
  • Am Samstag Abstieg ins Tal. Heimfahrt. Todmüde zur Party in Wien.
  • Sonntag: Ausschlafen.

Glücklicherweise lassen sich Laura und Didi davon überzeugen, dass dies eine gute Idee ist.

Anreise Donnerstag


Die Anreise ins Gesäuse ist meiner Meinung nach gar nicht so einfach – obwohl es die Gseispur gibt. Die Schwierigkeit liegt darin, die Zug- und Busverbindungen mit den Abholoptionen der Gseispur in eine sinnvolle Kombination zu bringen. Die Abfahrt soll in Wien so spät wie möglich sein, um vorher einen Arbeitstag halbwegs unterzubringen. Die Ankunft ist aber nach oben auch limitiert, weil die Gseispur gegen 19:00 Feierabend macht.

Ich überlege zuerst eine Anreise nach Weißenbach-St.Gallen, weil die Fahrzeit nur 2:10h beträgt. Der Herr von der Gseispur rät mir aber davon ab, weil die Fahrt von Weißenbach-St.Gallen nach Johnsbach fast eine Stunde dauert und weiter als die inkludierten 25 km ist, was dann auch wieder Zusatzkosten verursachen würde.

Wir einigen uns daher dann doch darauf, dass wir nach Selzthal fahren. Von dort führt uns die Gseispur zum Fixpreis von EUR 40,- (unabhängig von der Anzahl der Mitfahrenden) nach Johnsbach.

Ich bin mit dieser Entscheidung sehr zufrieden. Allein die Zugfahrt durch das Palten-Liesing-Tal ist sensationell schön! Aber auch der Bahnhof Selzthal hält da gut mit!

Bahnhof Selzthal

Bahnhof Selzthal

Vor dem Bahnhof wartet schon unser Gseispur-Taxi auf uns.

Gseispur, kurz vor dem Durchbrechen der Schallmauer

Gseispur, kurz vor dem Durchbrechen der Schallmauer

Die Fahrt zum Gasthaus Ödsteinblick dauert nicht lange. Wie lange wir wirklich fahren, ist im Nachhinein schwer abzuschätzen, weil die Fahrerin so schnell fährt, dass wir alle damit beschäftigt sind, uns festzuhalten und auszurechnen, um wie viel langsamer die Langsamkeit ist, die wir hier eigentlich suchen.

Gasthaus Ödsteinblick


Im Gasthaus Ödsteinblick essen wir zu Abend, bevor wir früh ins Bett gehen, um beim ersten Hahnenschrei aufstehen zu können.

Pro Person kostet uns Abendessen, Übernachtung im Dreierzimmer und Frühstück EUR 55,-.

Wir haben uns am Abend extra vorgenommen, gleich um 7:30 zum Frühstück zu gehen. Schon kurz nach 8:30 sitzen wir dann wirklich beim Buffet. Dementsprechend brechen wir dann kurz nach 9:30 auf und gehen die Asphaltstraße Richtung Osten entlang. Es ist nur ein kurzes Stück. Gleich nach dem Kölbwirt (eine Übernachtungsalternative) biegen wir nach links in die Botanik ab.

Vom Gasthaus Ödsteinblick zum Kölblwirt

Vom Gasthaus Ödsteinblick zum Kölblwirt

Schneelochweg


Wenige Minuten nach dem „Parkplatz Heßhütte“ sieht man gleich einmal rechts neben dem Weg einen Wasserfall. Das ist nicht nur schön anzuschauen, sondern verspricht auch genug Wasser für den Aufstieg. Das ist heute umso wichtiger, weil es schon jetzt in der Früh warm ist und es heute wohl noch heißer werden wird. Später werden wir, an einer Quelle kurz nach der Baumgrenze, wirklich noch einmal die Wasserflaschen auffüllen.

Wasserfall

Wasserfall

Zu Beginn führt der Weg allerdings noch im Schatten der Bäume dahin.

Waldanstieg

Waldanstieg

Später kommen wir aus dem Wald heraus und sehen den Gipfel des Hochtors das erste Mal.

Erster Blick auf das Hochtor

Erster Blick auf das Hochtor

Nach etwa 1,5 Stunden Gehzeit erreichen wir die Weggabelung, an der es links auf das Hochtor hinauf geht und rechts zur Heßhütte. Wer keine Kletterstellen mit Schwierigkeitsgrad I bis II frei klettern kann oder möchte, wählt den Weg nach rechts zur Heßhütte. Wir können II frei klettern, wissen zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht, dass das notwendig sein wird. Jemand, der Tourenberichte schreibt, liest sich ja vorher keine Tourenberichte durch. Das wäre ja widersinnig, oder? Ich muss allerdings zugeben, dass nicht alle meine Begleiter diese Ansicht teilen. Wenigstens Didi stört meine selektive Leseschwäche nicht.

Almwanderung unter der Baumgrenze

Almwanderung unter der Baumgrenze

Während wir höher steigen, rätseln wir, wo der Weg wohl hinaufführen mag. In den grauen Felsen können wir weder Steigspuren noch Markierungen erkennen, die etwas weiter weg sind. Es ist – trotz herrlicher Sichtverhältnisse – ein bisschen wie Fahren auf Sicht im Nebel: Nur die nächsten zwei, max. drei Markierungen weit ist der Weg vorne zu sehen.

Über der Baumgrenze steilt es dann deutlich auf

Über der Baumgrenze steilt es dann deutlich auf

Hochtor


Es gibt ein paar Kletterstellen – wie vorher schon erwähnt – die für uns bergauf keine große Herausforderung darstellen. Es sind Ier und IIer Stellen, die gut zu gehen sind. Ich muss allerdings ehrlich sagen, dass ich froh bin, dass wir hier hinauf unterwegs sind und nicht bergab. Hinunterzuklettern würde ich persönlich nicht entspannend empfinden.

Einmal muss ein tiefer Spalt über einen Klemmblock überschritten werden, zu dem man zuerst hinuntersteigen, drübergehen und dann wieder hinaufsteigen muss. Der Spalt ist aber nicht wirklich breit, weshalb das Unsicherheitsgefühl bei dieser Brücke auch nicht Überhand nimmt.

Der obere Teil ist immer wieder zum Kraxeln

Der obere Teil ist immer wieder zum Kraxeln

Vom Kölblwirt aus ist der Gipfel des Hochtors mit 4,5 Stunden Gehzeit angeschrieben. Das ist natürlich ohne Pausen gerechnet, ist aber meiner Meinung nach nicht so einfach zu erreichen.

Wir sind nach der angegebenen Zeit von 4,5 Stunden – aber inklusive Pausen – auf 2.000m Seehöhe. Der Gipfel liegt auf 2.369m Seehöhe. Für die letzten 370 Höhenmeter brauchen wir fast 1,5 Stunden!

Letzter Anstieg vor dem Gipfel

Letzter Anstieg vor dem Gipfel

Nach etwas mehr als 6 Stunden (Gehzeit + Pausen) kommen wir nach 1.500 Höhenmetern am Gipfel des Hochtors an. Da wir nicht mehr ganz absteigen müssen, sondern heute „nur“ mehr zur Heßhütte müssen, bleiben wir eine Stunde am Gipfel. Ganz allein – niemand außer uns ist heroben.

Gipfel Hochtor

Gipfel Hochtor

Schließlich machen wir uns dann aber doch wieder auf den Weg – den Josefinensteig.

Josefinensteig


Der Josefinensteig ist eigentlich ein Klettersteig der Schwierigkeit B. Über weite Strecken ist er mit einem Stahlseil versichert, aber nicht überall. Wir gehen ihn im Abstieg. Ich empfehle Handschuhe.

Abstieg direkt nach dem Gipfel und vor dem Guglgrat

Abstieg direkt nach dem Gipfel und vor dem Guglgrat

Nach dem kurzen Abstieg vom Hochtor beginnt eine lange Querung am, bzw. unter dem Guglgrat. Ganz vorne wechseln wir von der Westseite auf die Ostseite hinüber und sehen damit die Heßhütte fast den ganzen Abstieg lang vor uns.

Dadurch, dass der Josefinensteig mit Stahlseilen versichert ist, ist mir der Abstieg deutlich sympatischer, als wenn ich die Strecke unversichert abklettern müsste. Mich am Seil mit einer Hand festhalten zu können gibt mir ein höheres Sicherheitsgefühl.

Im teilweise versichertem Josefinensteig

Im teilweise versicherten Josefinensteig

Tipp: Ein Helm ist wegen des Steinschlags im Auf- und im Abstieg eine gute Sache!

Wir kommen schließlich nach 2,5 Stunden Abstieg in der Heßhütte an.

Heßhütte


Um 19:30 checken wir gleich einmal in der Heßhütte ein. Da erfahre ich gleich einmal, dass die Küche bis 20:00 geöffnet ist und wir daher gleich einmal etwas bestellen sollen. Das System auf der Heßhütte ist, dass man alles sofort bezahlen muss, was man bestellt: Die Zimmer mit Frühstück, das Abendessen, jede Getränkerunde – immer sofort und in bar. Nicht, dass das schlecht wäre – ich habe es in dieser Form bisher halt noch nirgendwo sonst erlebt. Da wirklich viele Leute auf der Heßhütte schlafen, kann ich mir vorstellen, dass so ein System jedenfalls effektiv, wahrscheinlich auch effizient ist.

Nach dem Abendessen gehen wir recht bald schlafen, weil Didi und ich nur zwei Runden Zirbenschnaps trinken.

Heßhütte vom Josefinensteig aus

Heßhütte vom Josefinensteig aus

Das Frühstücksbuffet ist für eine große Anzahl Übernachtungsgäste gemacht und enthält alles, was man sich wünschen kann. Mir wird bei dessen Anblick klarer, weshalb die Wirtsleute der Heßhütte etwa 1,5 Tonnen Lebensmittel pro Monat per Hubschrauber geliefert bekommen.

Wasserfallweg


Von der Heßhütte führt zuerst ein steiler Abstieg die erste Geländekante hinunter, dann geht es moderat fallend weiter bis zum Einstieg in die oberste Leiter. Bis dorthin gehen wir etwa 45 Minuten.

Einstieg in die oberste Leiter des Wasserfallwegs

Einstieg in die oberste Leiter des Wasserfallwegs

Leitern am Wasserfallweg

Leitern am Wasserfallweg

Ich persönlich bin ja kein Freund von Eisenleitern. Soviel vorausgeschickt. Im Aufstieg vor einigen Jahren waren sie mir nicht so unangenehm wie jetzt im Abstieg. Mein Problem mit solchen Eisenleitern ist, dass sie rostig sind und wackeln. Ich warte eigentlich nur darauf, dass die x-te Schaukelbewegung jene ist, die das Material an einer der vielen Stellen, die von einem herabfallenden Stein getroffen wurde, brechen läßt. Während ich drauf bin. Mit solchen Bildern im Kopf steige ich völlig unbelastet von rostiger Sprosse zu rostiger Sprosse.
Auch die abdrängende Felswand ist im Abstieg lästiger als im Aufstieg. Was mir „leider“ verwehrt bleibt ist, dass mir jemand heraufsteigend entgegenkommt, während ich absteige. Das würde mich psychisch belasten, während ich mir die pysische Belastung der rostigen Stiege durchrechne. Passiert mir aber glücklicherweise nicht.

Was ich unglaublich finde ist, dass der Wasserfallweg schon im Jahr 1891 errichtet wurde. Was waren das für Menschen, die sich überlegt haben, dass sie einen Haufen Eisenleitern übereinander an den Felsen schrauben, um die Fallstrecke eines Wasserfalls zu überwinden?

Schon 1891 wurde der Wasserfallweg erbaut!

Schon 1891 wurde der Wasserfallweg erbaut!

Ab dem Fuße des Wasserfalls ist der Abstieg durchgängig ungesichert und wird immer flacher.

Von der Heßhütte bis zum Parkplatz Kummerbrücke brauchen wir etwas mehr als 2 Stunden. Wir haben noch genug Zeit, um uns umzuziehen und eine Kleigkeit zu jausnen, bevor uns das Gseispur-Taxi um 11:50 abholt. Bestellt haben wir es schon am Vorvortag, als wir angekommen sind.

Heimfahrt


Unser Zug fährt um 12:48 in Selzthal ab. In Leoben müssen wir wieder umsteigen. Den größten Teil der 2:47h lang dauernden Fahrt schlafen oder dösen wir.

Vom Hauptbahnhof schleppen wir uns heim in die Dusche und ins Bett. Zur Party kommen wir etwas zu spät, aber noch rechtzeitig als der Grillmeister Fleisch auf den Rost wirft! Alles in Ordnung! Und der eingeplante Ausruh-Sonntag war für unsere Muskeln mehr als notwendig. Und der Montag danach.

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Tourdaten

4 Kommentare

  • karin wanzenböck

    Wann wird die Wanderung stattfinden, oder war sie bereits?

  • Gottfried Schauhuber

    Anregende Beschreibung, eindrucksvolle Fotos, macht Lust auf Nachahmung. Wasserfallweg im Aufstieg gegangen aufs Hochzinödl.

    Gottfried

    • Lieber Gottfried,
      Hochzinödl habe ich 2014 gemacht, als das Wetter für das Hochtor zu schlecht war. Jetzt bin ich froh, dass das damals nicht funktioniert hat, weil wir hatten geplant den Josefinensteig hinaufzugehen und den Schneelochsteig hinunter. Und das freie Abklettern der IIer Stellen am Schneelochsteig ist nicht unbedingt meine Sache!
      LG, Martin

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